Aceton
Fachlich verantwortlich: Stefan Stooß, Dipl.-Ing. Verfahrenstechnik · Stand: 24. Oktober 2026
Aceton (Propan-2-on) ist das kleinste Keton und eines der meistgenutzten Lösungsmittel der Industrie — vollständig wassermischbar und sehr leicht flüchtig. Es entsteht vor allem bei Lackverdünnung und Entfettung, in Pharma- und Extraktionsprozessen sowie in der Nagellackentferner-Produktion. Als VOC unterliegt es Emissionsgrenzwerten nach TA Luft Klasse II (100 mg/m³ Gesamt-C).

- Auch bekannt als
- Propan-2-on, Dimethylketon, Acetone (engl.)
- Formel
- C₃H₆O
- CAS-Nummer
- 67-64-1
- Stoffgruppe
- Lösemittel & VOC · verwandte Stoffe: Alpha-Pinen, Benzol, Butylacetat
Typische Quellen Chemie & VerfahrenstechnikPharmaindustrieLackieranlagen
Zum Ansehen seitlich wischen
Aceton (Propan-2-on) ist das kleinste Keton und gehört zu den am weitesten verbreiteten organischen Lösungsmitteln der Industrie. Als VOC unterliegt es Emissionsgrenzwerten nach TA Luft. Chemisch zählt Aceton zusammen mit Ethanol, n-Propanol und n-Butanol zu den polaren, wasserlöslichen Lösemitteln — mit der kürzesten Kohlenstoffkette und der höchsten Flüchtigkeit dieser Gruppe.
Definition & Eigenschaften
Aceton ist ein farbloses, leicht flüchtiges Lösungsmittel mit süßlichem Geruch, vollständig mischbar mit Wasser.
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Chemische Formel | C₃H₆O (CH₃COCH₃) |
| Molare Masse | 58,08 g/mol |
| Siedepunkt | 56,05 °C |
| Flammpunkt | -20 °C |
| Explosionsgrenzen | 2,5–13 Vol.-% |
| Dampfdruck (20 °C) | 240 hPa |
Aceton ist praktisch vollständig mit Wasser mischbar und hat mit rund 56 °C den niedrigsten Siedepunkt der hier betrachteten Lösemittelgruppe — es verdampft also deutlich leichter als Ethanol, n-Propanol oder n-Butanol. Diese hohe Flüchtigkeit ist der Schlüssel zum Verständnis der Verfahrenswahl: Sie macht Aceton einerseits leicht aus der Flüssigphase auszutreiben, erschwert andererseits aber die Bindung an Aktivkohle, wie im Abschnitt zu den ausscheidenden Verfahren erläutert wird.
Wie Kettenlänge und Polarität die Verfahrenswahl verändern
Innerhalb der vier polaren, wasserlöslichen Lösemittel Aceton, Ethanol, n-Propanol und n-Butanol zeigt sich ein durchgängiges Muster: Innerhalb der Alkoholreihe Ethanol → n-Propanol → n-Butanol sinkt die Wasserlöslichkeit mit wachsender Kohlenstoffkette graduell, während die Bindungsstärke an Aktivkohle zunimmt — n-Butanol lässt sich deutlich besser adsorptiv abscheiden als Ethanol, dafür schlechter waschen. Aceton nimmt als kürzestkettiges Keton mit der höchsten Flüchtigkeit dieser Gruppe eine Sonderstellung ein: Die geringe Molekülgröße bindet nur schwach an Aktivkohle, und der niedrige Siedepunkt begünstigt ein rasches Durchbrechen des Adsorbers. Für die Praxis heißt das: Je kürzer die Kette und je flüchtiger der Stoff, desto eher verschiebt sich die wirtschaftliche Wahl von der Adsorption zur thermischen Oxidation.
Grenzwerte nach TA Luft
Als VOC fällt Aceton unter die Klasse II der TA Luft:
| Parameter | Grenzwert | Bezug |
|---|---|---|
| Emissionsgrenzwert (Klasse II) | 100 mg/m³ (Gesamt-C) | TA Luft Nr. 5.2.5 |
| Massenstrom-Schwelle | 2,0 kg/h | TA Luft Nr. 5.2.5 |
| AGW | 1.200 mg/m³ (500 ppm) | TRGS 900 |
Maßgeblich sind immer Genehmigungsbescheid, aktuelle TRGS 900 und die TA Luft 2021; die Werte hier dienen der Orientierung. Bei größeren Lösemittelverbräuchen kommt zusätzlich die Bilanzpflicht der 31. BImSchV hinzu — Einordnung und Nachweis übernimmt unsere unabhängige Abluftberatung.
Gesundheitsgefahren
- Reizwirkung: Reizung von Augen, Nase und Rachen ab höheren Konzentrationen
- ZNS-Wirkung: Kopfschmerzen, Schwindel bei längerer Exposition
- Hautentfettung: Trockene, rissige Haut durch Entfettung
- Brand-/Explosionsgefahr: Extrem leicht entzündlich, Flammpunkt -20 °C
- Umwelt: VOC-Vorläufer für bodennahes Ozon (Sommersmog)
Aceton in der Industrie
- Lackverdünnung und Entfettung: Lösungsmittel und Reiniger in Lackier- und Oberflächenprozessen
- Pharma- und Extraktionsprozesse: Lösemittel bei Wirkstoffreinigung und pflanzlicher Extraktion
- Nagellackentferner-Produktion: Aceton als Hauptbestandteil kosmetischer Lösemittelgemische
- Reaktionslösemittel in der Chemie: Als Lösemittel und Edukt in organischen Synthesen, unter anderem für PMMA-, Bisphenol-A- und Polycarbonat-Herstellung
- Elektronik: Reinigung von Leiterplatten und Bauteilen
Wie Aceton gemessen wird
Aceton wird emissionsseitig meist summarisch als Gesamtkohlenstoff (Gesamt-C) mit dem Flammenionisationsdetektor (FID) erfasst, kontinuierlich bei größeren Anlagen, sonst als wiederkehrende Einzelmessung durch eine akkreditierte Messstelle. Für die stoffspezifische Abgrenzung in Lösemittelgemischen, wie sie in Pharma- und Extraktionsprozessen häufig vorkommen, ist zusätzlich Gaschromatographie erforderlich. Eine typische Störgröße ist die hohe Flüchtigkeit selbst: Undichte Probenahmestellen oder unzureichend durchmischte Messstrecken führen bei Aceton schneller zu Minderbefunden als bei höhersiedenden Lösemitteln, weil bereits kleine Leckagen einen relevanten Anteil der Fracht entweichen lassen.
Abluftreinigung — So wird Aceton entfernt
- RTO: Besonders effizient bei mittleren Konzentrationen — Wärmerückgewinnung über 95 %
- TNV: Bei höheren Konzentrationen wirtschaftlich durch autotherme Verbrennung
- KNV: Energieeffiziente Alternative bei mittleren Konzentrationen ohne Katalysatorgifte im Rohgas
- Kondensation: Bei hohen Konzentrationen zur Lösungsmittelrückgewinnung, häufig als Vorstufe vor einer weiteren Reinigungsstufe
- Wasserwäscher: Aufgrund der vollständigen Wassermischbarkeit technisch möglich, bei den in der Industrie typischen VOC-Konzentrationen jedoch meist wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig zur thermischen Oxidation
- Aktivkohle-Adsorption: Nur für kleine, diskontinuierliche Ströme mit regelmäßigem Wechsel geeignet — Details dazu im nächsten Abschnitt
Welche Verfahren ausscheiden — und warum
Aktivkohle als alleinige Dauerlösung ist bei Aceton der kritischste Punkt der Verfahrensauswahl – hier entscheidet die Bindungsstärke der Adsorption. Anders als etwa bei Toluol, dessen aromatischer Ring über deutlich stärkere Van-der-Waals-Kräfte an der Kohleoberfläche haftet, bindet das kleine, kettenkurze Acetonmolekül nur schwach. In Kombination mit dem niedrigen Siedepunkt von rund 56 °C und dem entsprechend hohen Dampfdruck steigt das Risiko eines Durchbruchs bereits deutlich vor der nominellen Beladungsgrenze der Kohle — insbesondere bei schwankender Rohgaskonzentration oder erhöhter Temperatur im Adsorberbett. Wer Aktivkohle bei kontinuierlich hoher Acetonfracht als alleinige Reinigungsstufe plant, muss entweder sehr kurze Standzeiten und häufige Wechsel einkalkulieren oder auf eine Desorptionsstufe mit engmaschiger Durchbruchsüberwachung ausweichen. Wirtschaftlich ist das bei relevanten Frachten meist der thermischen Oxidation unterlegen.
Wasserwäscher als alleiniges Verfahren scheiden zwar nicht technisch, aber wirtschaftlich häufig aus: Aceton löst sich zwar praktisch vollständig in Wasser, doch bei den typischen Konzentrationen industrieller Abluft ist der apparative und energetische Aufwand einer Wäsche im Vergleich zur thermischen Oxidation selten konkurrenzfähig — sinnvoll bleibt der Wäscher vor allem als Vorstufe bei sehr hohen, wässrig anfallenden Frachten.
Praxisfall: Aktivkohle-Anlage mit wiederkehrenden Durchbrüchen
Ein wiederkehrendes Muster bei kleineren Pharma- und Kosmetikbetrieben, die Acetonabluft aus Extraktions- oder Abfüllprozessen über Aktivkohle als vermeintlich einfache Lösung führen: Die Anlage wird auf den mittleren Acetonanteil im Rohgas ausgelegt, läuft anfangs unauffällig — doch nach vergleichsweise kurzer Betriebszeit zeigen Messungen hinter dem Filter einen Anstieg der Restkonzentration, lange bevor die kalkulierte Standzeit erreicht ist. Ursache ist regelmäßig die Kombination aus geringer Bindungsstärke und hoher Flüchtigkeit: Bereits kleinere Schwankungen der Rohgaskonzentration oder eine leicht erhöhte Bettemperatur reichen aus, um Aceton vorzeitig zu desorbieren. Die praktische Lehre daraus ist, bei Aceton die Aktivkohle-Auslegung nicht auf Basis von Erfahrungswerten anderer Lösemittel zu übernehmen, sondern die Durchbruchskurve stoffspezifisch zu ermitteln — oder bei dauerhaft relevanter Fracht von vornherein auf RTO oder TNV zu setzen.
Häufige Fragen
Welcher Grenzwert gilt für Aceton nach TA Luft?
Aceton fällt als Klasse-II-Stoff unter 100 mg/m³ (Gesamt-C) bei Überschreitung des Massenstroms von 2,0 kg/h gemäß TA Luft Nr. 5.2.5.
Ist Aceton krebserregend?
Nein, Aceton ist nicht krebserregend (IARC Gruppe 3). Dennoch sollte die Exposition minimiert werden, da es reizend wirkt und in hoher Konzentration das Nervensystem beeinflussen kann.
Welche Abluftreinigung ist für Aceton am besten?
Bei kontinuierlichen, mittleren bis hohen Frachten sind RTO und TNV am zuverlässigsten. Aktivkohle eignet sich nur für kleine, diskontinuierliche Ströme mit regelmäßigem Wechsel, Kondensation für sehr hohe Konzentrationen zur Rückgewinnung.
Warum ist Aktivkohle bei Aceton als alleinige Dauerlösung riskant?
Die kurze Kohlenstoffkette bindet nur schwach an die Kohleoberfläche, und der niedrige Siedepunkt begünstigt ein rasches Durchbrechen des Adsorbers. Bei hoher, kontinuierlicher Fracht führt das zu häufigen Wechseln und macht Aktivkohle wirtschaftlich unattraktiv gegenüber der thermischen Oxidation.
Kann Aceton per Wasserwäscher abgeschieden werden?
Technisch ja — Aceton ist praktisch vollständig mit Wasser mischbar. Bei den in der Industrie typischen VOC-Konzentrationen ist ein reiner Wasserwäscher gegenüber RTO oder TNV aber meist wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig und kommt eher als Vorstufe bei sehr hohen, wässrigen Frachten in Betracht.
Was unterscheidet Aceton von Ethanol, n-Propanol und n-Butanol bei der Verfahrenswahl?
Aceton hat als kürzestkettiges und flüchtigstes Molekül dieser Gruppe die schwächste Bindung an Aktivkohle. Mit wachsender Kohlenstoffkette der Alkoholreihe Ethanol, n-Propanol, n-Butanol nimmt die Aktivkohle-Eignung dagegen zu, während die Wasserlöslichkeit abnimmt.
Wie wird Aceton in der Abluft gemessen?
Emissionsseitig wird Aceton wie andere VOC meist summarisch als Gesamtkohlenstoff mit dem Flammenionisationsdetektor (FID) erfasst, ergänzt durch Gaschromatographie zur stoffspezifischen Abgrenzung in Lösemittelgemischen.
Quellen und Regelwerke
- TA Luft 2021 (Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft) — Nr. 5.2.5 – organische Stoffe (Gesamt-C, Klassen I bis III)
- TRGS 900 – Arbeitsplatzgrenzwerte (BAuA) — Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) für Aceton
- GESTIS-Stoffdatenbank (IFA/DGUV) — Stoffdatenbank, Suche nach Aceton
- 31. BImSchV – Lösemittelverordnung — Lösemittelbilanz und Anforderungen an Anlagen mit Lösemitteleinsatz
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