Butylglykol (2-Butoxyethanol)
Fachlich verantwortlich: Stefan Stooß, Dipl.-Ing. Verfahrenstechnik · Stand: 24. Oktober 2026
Butylglykol (2-Butoxyethanol) ist ein hochsiedender Glykolether mit Ether- und Hydroxylgruppe, der sich dadurch sowohl in Wasser als auch in unpolaren Medien gut löst. Er dient als Koaleszenzmittel in wasserbasierten Lacken sowie als Lösemittel in Industrie- und Haushaltsreinigern. Wegen der guten Wasserlöslichkeit ist ein Wäscher hier — anders als bei unpolaren Lösemitteln — eine ernsthafte Option; Aktivkohle stößt bei diesem hochsiedenden, polaren Stoff dagegen an ihre Grenzen.

- Auch bekannt als
- 2-Butoxyethanol, Ethylenglykolmonobutylether, 2-Butoxyethanol / Butyl glycol (engl.)
- Formel
- C₆H₁₄O₂
- CAS-Nummer
- 111-76-2
- Stoffgruppe
- Lösemittel & VOC · verwandte Stoffe: Cyclohexan, Dichlormethan, Dimethylformamid
Typische Quellen LackieranlagenChemie & VerfahrenstechnikDruckindustrie
Zum Ansehen seitlich wischen
Butylglykol (2-Butoxyethanol) ist ein hochsiedender Glykolether und ein wichtiges Hilfsmittel in wasserbasierten Lacksystemen. Anders als die Ester Ethylacetat, Methylacetat und Butylacetat ist Butylglykol kein reiner Ester, sondern ein amphiphiles Molekül — das hat direkte Folgen für die passende Abluftreinigung.
Definition & Eigenschaften
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Chemische Formel | C₆H₁₄O₂ (C₄H₉OCH₂CH₂OH) |
| Molare Masse | 118,17 g/mol |
| Siedepunkt | 171 °C |
| Wasserlöslichkeit | vollständig mischbar |
| Dampfdruck bei Raumtemperatur | gering |
Butylglykol ist chemisch kein Ester, sondern ein Glykolether: Das Molekül trägt sowohl eine Ethergruppe als auch eine endständige Hydroxylgruppe. Diese Doppelnatur macht es amphiphil — es löst sich gut in Wasser (über die Hydroxylgruppe) und zugleich gut in unpolaren, organischen Medien (über die Butylkette und die Ethergruppe). Das ist der zentrale Unterschied zu den drei Acetaten dieser Stoffgruppe, die als reine Ester deutlich unpolarer sind. Für die Verfahrenswahl bedeutet das: Ein Wäscher, der bei den Acetaten allenfalls als Vorstufe taugt, ist bei Butylglykol eine ernsthafte Hauptoption. Der vergleichsweise hohe Siedepunkt wiederum bedeutet einen geringen Dampfdruck bei Raumtemperatur — relevante Emissionen entstehen deshalb vor allem in erhitzten Prozessschritten, und bei Sprühapplikationen kann der Stoff auch als feiner Flüssigkeitsnebel statt als Gas auftreten.
Gesundheitsgefahren
- Reizwirkung: Augen-, Haut- und Atemwegsreizung bei höherer Konzentration
- Hautresorption: Butylglykol kann über die Haut aufgenommen werden — Hautschutz ist wichtig
- Blutbildveränderung: Bei hoher Exposition sind Effekte auf rote Blutkörperchen beschrieben
Wo Butylglykol im Betrieb entsteht
- Lackier- und Beschichtungsanlagen mit wasserbasierten Systemen: Als Koaleszenzmittel ist Butylglykol Bestandteil vieler Wasserlacke und Dispersionsfarben; relevante Emissionen entstehen vor allem beim Einbrennen und Trocknen.
- Airless-Lackierung und Sprühapplikation: Bei der Zerstäubung wasserbasierter Lacke kann Butylglykol teilweise als feiner Nebel statt als Gas in die Abluft übergehen — ein Effekt, der bei rein gasförmig verdampfenden Lösemitteln kaum auftritt.
- Reinigungsmittelherstellung: Als Lösemittel in Glasreinigern, Allzweckreinigern und anderen Industrie- und Haushaltsreinigern entweicht Butylglykol bei Mischung, Abfüllung und teils bei der Anwendung selbst.
- Tintenformulierung: In wasserbasierten Tinten und Druckfarbensystemen dient Butylglykol als Lösungsvermittler, der die Löslichkeit von Farbstoffen im wässrigen Medium verbessert.
Wie Butylglykol gemessen wird
Butylglykol wird per Gaschromatographie erfasst. Eine wichtige Störgröße bei der Probenahme ist der mögliche Aerosolanteil: Tritt der Stoff teilweise als feiner Flüssigkeitsnebel auf, etwa aus Sprühapplikationen, kann eine reine Gasphasenmessung die tatsächliche Fracht unterschätzen, wenn Tröpfchen im Probenahmesystem nicht mit erfasst werden. Da relevante Emissionen vor allem in erhitzten Prozessschritten wie Trocknung und Einbrennen auftreten, ist die Probenahme direkt an der jeweiligen Quelle sinnvoll: Emissionsmessungen.
Abluftreinigung — So wird Butylglykol entfernt
- Gaswäscher: Wegen der vollständigen Wassermischbarkeit von Butylglykol ist ein Wäscher hier ein tragfähiges Hauptverfahren — anders als bei unpolaren Lösemitteln. Ein Venturiwäscher kann zudem einen vorhandenen Aerosolanteil mit erfassen, da er neben der Gasabsorption auch feine Tröpfchen abscheidet.
- Kondensation: Aufgrund des hohen Siedepunkts effizient auskondensierbar, insbesondere bei heißen Teilströmen aus Trocknung und Einbrennen.
- TNV / RTO: Vollständige Oxidation bei Mischabluft mit weiteren organischen Stoffen, unabhängig vom Aggregatzustand (Gas oder Aerosol) der Fracht.
Welche Verfahren ausscheiden — und warum
Aktivkohle als alleiniges Verfahren scheidet bei Butylglykol aus zwei Gründen aus. Erstens ist der Stoff als hochsiedender, polarer Glykolether auf der Kohleoberfläche nur schwer zu desorbieren — er beladet das Bett zunehmend irreversibel, was zu kurzen Standzeiten und hohen Entsorgungskosten führt, vergleichbar mit Ethylenglykol. Zweitens, und das unterscheidet Butylglykol von den drei Acetaten dieser Gruppe: Liegt der Stoff in der Abluft überwiegend als Aerosol statt als Gas vor, wie es bei Sprühapplikationen häufig der Fall ist, bindet Aktivkohle ihn grundsätzlich nicht — Aktivkohle ist für die Adsorption von Gasmolekülen ausgelegt, nicht für Flüssigkeitströpfchen. In diesem Fall braucht es zunächst eine mechanische Vorabscheidung der Tröpfchen, bevor eine Gasreinigungsstufe überhaupt sinnvoll ansetzen kann.
Ein reiner Wasserwäscher ohne Tropfenabscheidung ist bei hohem Aerosolanteil ebenfalls nicht die vollständige Lösung: Zwar löst sich Butylglykol gut im Waschwasser, doch ein Standardwäscher ist primär auf die Gasabsorption ausgelegt. Bei relevanten Tröpfchenanteilen aus der Zerstäubung ist eine vorgeschaltete Tropfenabscheidung notwendig, damit die Gasreinigungsstufe nicht durch mitgerissene Flüssigkeit überlastet wird.
Praxisfall: Wenn der Wäscher weniger abscheidet als die Löslichkeit erwarten lässt
Ein wiederkehrendes Muster bei Lackieranlagen mit Airless-Applikation wasserbasierter Lacke: Ein Wäscher wird auf Basis der vollständigen Wassermischbarkeit von Butylglykol ausgelegt und sollte rechnerisch einen hohen Abscheidegrad erreichen — die Messung nach Inbetriebnahme zeigt dann aber einen niedrigeren Wert als erwartet. Der Grund liegt häufig darin, dass ein Teil des Butylglykols in der Abluft nicht als Gas, sondern als feiner Sprühnebel vorliegt, der ohne vorgeschaltete Tropfenabscheidung teilweise am Wäscher vorbei- oder durchgerissen wird, statt im Waschwasser absorbiert zu werden. Die Lehre daraus: Die Wasserlöslichkeit eines Stoffs allein sagt noch nichts über seinen Aggregatzustand in der realen Abluft aus — bei Sprühapplikationen ist eine Prüfung des Aerosolanteils vor der Verfahrensauslegung unerlässlich, sonst bleibt der tatsächliche Abscheidegrad hinter der theoretischen Löslichkeit zurück.
Typische Fehler in der Praxis
Ein verbreiteter Fehler ist, Butylglykol pauschal wie die unpolaren Lösemittel dieser Branche zu behandeln und Aktivkohle als Standardlösung vorzusehen — seine Polarität und Hochsiedigkeit sprechen von vornherein dagegen. Ein zweiter Fehler ist, bei Sprühapplikationen den Aerosolanteil der Fracht zu übersehen und ausschließlich mit Gasphasen-Kennwerten zu planen, obwohl ein relevanter Teil als Tröpfchen vorliegt und eine mechanische Vorabscheidung braucht. Ein dritter Fehler ist, die Amphiphilie des Moleküls falsch zu deuten und daraus abzuleiten, jedes Verfahren funktioniere „irgendwie” — tatsächlich verlangt gerade diese Doppelnatur eine differenzierte, stoffspezifische Verfahrensauswahl.
Welches Verfahren für Ihre Lackier- oder Reinigungsmittelanlage technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, klärt eine anlagenspezifische Bewertung. Einen ersten Überblick gibt unsere Seite zur Abluftreinigung, die branchenspezifische Einordnung finden Sie unter Lackieren & Oberfläche.
Häufige Fragen
Warum wird Butylglykol Lacken zugesetzt?
Als Koaleszenzmittel unterstützt Butylglykol die Filmbildung wasserbasierter Lacke und Beschichtungen — es sorgt dafür, dass die Polymerpartikel beim Trocknen zu einem geschlossenen Film verschmelzen. Möglich wird das durch seine amphiphile Struktur, die sowohl mit dem wässrigen Bindemittel als auch mit den unpolaren Polymeranteilen verträglich ist.
Warum eignet sich Aktivkohle nicht für Butylglykol?
Weil es hochsiedend und polar ist. Es lässt sich auf Aktivkohle kaum desorbieren und würde das Bett dauerhaft beladen. Tritt Butylglykol zudem als feiner Nebel statt als Gas auf, bindet Aktivkohle es ohnehin nicht — sie ist für Gasmoleküle ausgelegt, nicht für Tröpfchen. Wäscher und Kondensation sind hier die wirksameren Verfahren.
Warum ist Butylglykol kein reiner Ester wie Ethyl-, Methyl- oder Butylacetat?
Butylglykol ist chemisch ein Glykolether: Es trägt sowohl eine Ether- als auch eine Hydroxylgruppe im Molekül. Diese Doppelnatur macht es amphiphil — löslich in Wasser und in unpolaren Medien zugleich — und unterscheidet es grundlegend von den reinen Estern Ethylacetat, Methylacetat und Butylacetat, die überwiegend unpolar bis mäßig polar sind.
Warum kann bei Butylglykol ein Wäscher sinnvoll sein, bei den Estern dieser Gruppe aber nicht?
Butylglykol ist vollständig wassermischbar, während die drei Acetate nur begrenzt bis gering wasserlöslich sind. Ein Wäscher erreicht bei Butylglykol deshalb einen belastbaren Abscheidegrad, während er bei den unpolareren Estern als alleiniges Verfahren nicht ausreicht — ein zentraler Abgrenzungspunkt innerhalb dieser Stoffgruppe.
Warum tritt Butylglykol in der Abluft manchmal als Nebel statt als Gas auf?
Wegen seines vergleichsweise hohen Siedepunkts und des damit geringen Dampfdrucks bei Raumtemperatur verdampft Butylglykol langsamer als leichtflüchtige Lösemittel. Bei Sprühapplikationen, etwa in der Airless-Lackierung, kann ein Teil des Stoffs deshalb als feiner Flüssigkeitsnebel statt als Gas in die Abluft gelangen — das erfordert eine mechanische Vorabscheidung, bevor die eigentliche Gasreinigungsstufe greift.
Welcher Grenzwert gilt für Butylglykol nach TA Luft?
Butylglykol fällt als organischer Stoff unter TA Luft Nr. 5.2.5. Die konkrete Klassenzuordnung und der zulässige Massenstrom sind stoffspezifisch und im Einzelfall zu prüfen.
Worin unterscheidet sich Butylglykol von Ethylenglykol?
Beide sind Glykole beziehungsweise Glykolderivate mit guter Wasserlöslichkeit, doch Butylglykol trägt zusätzlich eine unpolare Butylkette, die ihm eine gewisse Löslichkeit auch in organischen Medien verleiht — Ethylenglykol selbst ist dagegen fast ausschließlich hydrophil. Für die Abluftreinigung verhalten sich beide gegenüber Aktivkohle ähnlich ungünstig.
Quellen und Regelwerke
- TA Luft 2021 (Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft) — Allgemeine Anforderungen zur Emissionsbegrenzung (Nr. 5.2)
- GESTIS-Stoffdatenbank (IFA/DGUV) — Stoffdatenbank, Suche nach Butylglykol
- 31. BImSchV – Lösemittelverordnung — Lösemittelbilanz und Anforderungen an Anlagen mit Lösemitteleinsatz
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