SiO₂-Ablagerungen in RNVs
Fachlich verantwortlich: Stefan Stooß, Dipl.-Ing. Verfahrenstechnik
Siliziumorganische Verbindungen (Siloxane, Silane) kommen in vielen industriellen Anwendungen vor — oft unbemerkt. Bei der thermischen Zersetzung oberhalb von 300 °C entsteht Siliziumdioxid (SiO₂), im Prinzip feiner Sand. Dieser Staub lagert sich in Wärmetauschern und Keramikbetten ab und führt zu Verblockung, Druckverlustanstieg und Funktionsverlust — Anlagen können innerhalb weniger Monate funktionsunfähig werden.

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Was ist passiert
Siliziumorganische Verbindungen kommen in vielen industriellen Anwendungen vor — oft unbemerkt. Gelangen sie mit der Abluft in eine RNV oder TNV, zersetzen sie sich bei Temperaturen oberhalb von 300 °C thermisch zu feinem SiO₂-Staub. Dieses SiO₂ ist sehr fein und, in Anwesenheit anderer Stoffe, klebrig. Es lagert sich in Keramikwaben, Katalysatoren und Wärmetauschern ab.
Warum das über Monate unbemerkt bleiben kann, statt sofort aufzufallen, hängt mit der Art der Ablagerung zusammen: SiO₂ setzt sich zunächst als dünner, glasartiger Film ab, der den Druckverlust über das Keramikbett nur geringfügig erhöht. Diese frühe Phase lässt sich leicht mit normalen Schwankungen im Betrieb verwechseln — ein Anlagenbediener sieht einen leicht steigenden Trend, keinen Ausschlag. Erst wenn sich der Film über viele Betriebsstunden verdickt und einen relevanten Teil der Wabenquerschnitte belegt, wird aus dem Trend ein Problem, das sich nicht mehr ignorieren lässt — und zu diesem Zeitpunkt ist die Keramik bereits verglast, nicht mehr zu reinigen, sondern nur noch auszutauschen. Welche konkreten Kennzahlen sich zur frühen Erkennung eignen, erklärt unser Beitrag Siloxane — die unterschätzte Gefahr.
Wie sah der Schaden aus
Beobachtet wurden drei charakteristische Schadensbilder:
- Ungleichmäßiger Zellenzuwachs: Durch unterschiedliche Anströmungsverhältnisse lagert sich SiO₂ ungleichmäßig ab — einzelne Bereiche verblocken schneller als andere.
- Druckverlustanstieg: Der zunehmende Strömungswiderstand führt zu extremen Druckverlustanstiegen — im Extremfall werden Keramikwaben aus der Halterung herauskatapultiert.
- Spannungsrisse und Wabenbruch: Temperaturwechselbeanspruchung bei teilweise verblockten Waben führt zu ungleichmäßiger Ausdehnung und in der Folge zu Spannungsrissen und Wabenbruch.
Ebenso aufschlussreich war, wo die Ablagerung nicht auftrat: In den kühleren Vorwärmzonen des Keramikbetts, in denen die Abluft die 300-Grad-Schwelle noch nicht überschritten hat, blieb die Struktur nahezu unverändert — die thermische Zersetzung zu SiO₂ findet dort schlicht noch nicht statt. Konzentriert war der Schaden auf den heißesten Kernbereich mit der höchsten Verweilzeit. Das bestätigt den Mechanismus und zeigt zugleich, dass eine Sichtprüfung, die nur die zugänglichen, kühleren Randzonen erfasst, den eigentlichen Schaden im Zentrum des Betts leicht übersieht.
Was war die Ursache
Quellen siliziumorganischer Verbindungen:
- Silikon-Dichtmassen, -Öle, -Fette
- Additive in Lacken, Farben, Kunststoffen
- Entschäumer in Prozessen
- Biogas (aus Deponien, Kläranlagen)
Der Mechanismus der Ablagerung im Einzelnen:
- Siliziumorganische Verbindungen gelangen mit der Abluft in die TNV/RNV
- Bei über 300 °C thermische Zersetzung zu feinem SiO₂-Staub
- SiO₂ ist sehr fein und, bei Anwesenheit anderer Stoffe, klebrig
- Ablagerung in Keramikwaben, Katalysatoren und Wärmetauschern
Dass dieser Fall kein Einzelfall ist, sondern ein wiederkehrendes Muster, liegt an der Herkunft der Quellen: Dichtmassen, Lackadditive und Entschäumer werden in kleinen Mengen eingesetzt und tauchen im Sicherheitsdatenblatt selten prominent als "Siloxan" auf — eine Rohgasanalyse, die sich auf die offensichtlichen Hauptschadstoffe beschränkt, übersieht sie systematisch. Das ausführliche Schadstoffprofil mit allen relevanten Branchen und Quellen steht unter Silane und Siloxane.
Wie wurde es gelöst
Präventive Maßnahmen:
- Abluftanalyse: Siloxan-/Silangehalt vor Anlagenplanung bestimmen
- Prozessmaßnahmen: silikonfreie Alternativen prüfen und einsetzen
- Vorabscheidung: Kühler, Wäscher oder Adsorber vorschalten
- Anlagenauslegung: Strömungsgeschwindigkeit und Verweilzeit optimieren
Betriebsmaßnahmen:
- Regelmäßige Inspektion: Siloxan-/Silangehalt im Betrieb weiter im Blick behalten
- Druckverlust-Monitoring: frühzeitige Erkennung von Ablagerungen
- Reinigung: chemische oder mechanische Entfernung von Ablagerungen
- Keramikwaben-Wechsel: bei starker Verblockung rechtzeitig austauschen
Die Reihenfolge ist bei diesem Schaden besonders wichtig, weil die Folgen der falschen Reihenfolge irreversibel sind: Ist die Keramik erst einmal verglast, hilft keine Betriebsmaßnahme mehr — sie lässt sich nicht reinigen, nur austauschen. Deshalb müssen die präventiven Maßnahmen vor Inbetriebnahme stehen, allen voran die Abluftanalyse: Ohne sie lässt sich weder eine Vorabscheidung richtig dimensionieren noch die Anlagenauslegung auf Verweilzeit und Anströmung optimieren. Die Betriebsmaßnahmen — Inspektion, Monitoring, Reinigung — sind die laufende Kontrolle danach. Sie können einen Konstruktionsfehler oder eine unerkannte Siloxanquelle nicht ausgleichen, sondern zeigen nur, ob die präventiven Maßnahmen tatsächlich ausreichen.
Was lernt man daraus
Weil Siloxane und Silane aus scheinbar harmlosen Quellen wie Dichtmassen, Lackadditiven oder Entschäumern stammen, wird die Gefahr bei der RNV-/TNV-Planung häufig übersehen. Eine Abluftanalyse auf Siloxan- und Silangehalt vor der Anlagenauslegung ist deshalb keine Kür, sondern verhindert Funktionsverlust, der sich sonst innerhalb weniger Monate einstellen kann.
Der allgemeinere Punkt betrifft die Verfahrensauswahl selbst: Silizium im Rohgas schließt eine RTO als eigenständiges Verfahren praktisch aus, solange keine Vorabscheidung vorgeschaltet ist — dieselbe Einschränkung gilt für die katalytische Nachverbrennung, bei der Silizium als Katalysatorgift wirkt. Unser Anlagenrechner behandelt Silizium deshalb als Ausschlusskriterium für thermische und katalytische Verfahren. Wer bei der Vergabe ein Angebot für eine RNV prüft, sollte verlangen, dass Siloxane in der Rohgasanalyse explizit ausgewiesen sind — nicht nur die Hauptschadstoffe. Die fachliche Einordnung übernimmt unsere unabhängige Abluftberatung, den Angebotsvergleich unsere unabhängige Angebotsprüfung.
Häufige Fragen
Warum werden Siloxane oft erst entdeckt, wenn die Keramik schon verglast ist?
Weil sich der SiO₂-Belag in dünnen Schichten aufbaut, die den Druckverlust zunächst nur geringfügig verändern — ein Effekt, der sich leicht mit normalen Betriebsschwankungen verwechseln lässt. Erst wenn ein relevanter Teil der Wabenstruktur zugesetzt ist, wird der Anstieg so deutlich, dass er eindeutig auf eine Verblockung hinweist. Frühwarnzeichen und wie man sie protokolliert, erklärt unser Beitrag zu <a href="/ratgeber/siloxane-die-unterschatzte-gefahr/">Siloxanen als unterschätzter Gefahr</a>.
Woran erkennt man SiO₂-Ablagerungen, bevor Waben herausbrechen?
An einem kontinuierlich steigenden Druckverlust über das Keramikbett bei gleichbleibendem Volumenstrom und an einer sichtbar ungleichmäßigen Verfärbung der Wabenoberfläche bei der Sichtkontrolle. Wabenbruch und Herauskatapultieren sind bereits späte Anzeichen — zu diesem Zeitpunkt ist die Ablagerung meist schon so weit fortgeschritten, dass nur noch der Austausch bleibt.
Reicht es, verblockte Keramikwaben auszutauschen?
Der Austausch behebt den akuten Zustand, aber nicht die Ursache. Ist die Siloxanquelle im Prozess weiterhin aktiv, verblockt die neue Keramik nach demselben Mechanismus erneut. Ohne vorgeschaltete Abluftanalyse und gegebenenfalls Vorabscheidung ist der Austausch eine wiederkehrende Position im Wartungsbudget, kein dauerhafter Zustand.
Warum wirkt der Schaden bei manchen RNV-Anlagen viel schneller als bei anderen?
Weil die Siloxankonzentration im Rohgas, die Verweilzeit im heißen Bereich und die lokale Anströmung stark variieren. Anlagen mit hoher Konzentration oder ungünstiger Strömungsführung erreichen den kritischen Zustand entsprechend früher. Eine pauschale Standzeitangabe für "Keramik in siloxanbelasteter Abluft" gibt es deshalb nicht — sie hängt vom Einzelfall ab.
Kann eine katalytische Nachverbrennung (KNV) das Problem umgehen?
Nein, eher im Gegenteil: Bei einer KNV wirkt Silizium als Katalysatorgift und deaktiviert die aktive Oberfläche dauerhaft — ein anderer, aber ebenso irreversibler Schadensmechanismus. Details zur Betroffenheit verschiedener Verfahren stehen im <a href="/wissen/schadstoffe/silane-und-siloxane/">Schadstoffprofil Silane und Siloxane</a>.
Was unterscheidet diesen Schadensfall vom allgemeinen Siloxan-Risiko im Ratgeber?
Der Ratgeber beschreibt die Systematik: welche Verfahren betroffen sind, woran man einen Schaden frühzeitig erkennt und wie man misst. Dieser Fall zeigt das konkrete Schadensbild an einer RNV — ungleichmäßiger Zellenzuwachs, Druckverlustanstieg bis zum Herauskatapultieren von Waben und Spannungsrisse durch Temperaturwechsel — also die praktische Folge dessen, was im Ratgeber als Mechanismus erklärt wird.
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